Wolke 9 - ein Filmtipp für Senioren

Gefühle und Sex auf „Wolke neun“

„Kann denn Liebe Sünde sein?“ Diese rhetorische Frage stellte Zarah Leander in einem ihrer Filme und beantwortete sie zugleich selbst: „Lieber will ich sündigen mal als ohne Liebe sein …“ Viele Jahrzehnte später greift der Film „Wolke neun“ das Thema Gefühle und Sex im Alter auf. Regisseur Andreas Dreesen begeht mit dem Drama einen Tabubruch. Das ist jedenfalls die Meinung vieler Kritiker, deren Vorstellungskraft wohl nicht dazu ausreicht, dass auch ältere Menschen Sehnsucht und Bedürfnisse haben und diese sogar ausleben. Ob Dreesen tatsächlich Tabus bricht, kann jeder für sich selbst entscheiden, wenn er den Film gesehen hat. Von Sünde kann jedenfalls keine Rede sein.

Wie die Jungen so die Alten

Einen Tabubruch ist es nicht, wenn die Anstrengungen des Alltags in Bilder umgesetzt werden. Das gilt ebenso für die Orte, deren Melancholie sich gut zu den Geschichten fügt. Aber gerade dieser Hang, fortwährend authentisch sein zu wollen, wirkt bisweilen konstruiert und zeugt eher von den Alltagsanstrengungen des Filmemachens. Junge trifft Mädchen, damit lässt sich der Inhalt mit drei Worten beschreiben. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass in dem Film „Wolke neun“ Senioren und deren Sehnsucht im Mittelpunkt stehen. Das sind Inge, ihr Mann Werner und Karl. Inge hat für Karl eine Hose geändert, mit der sie bei ihm vorbeigeht. Die Anprobe entwickelt sich zu leidenschaftlichem Sex. Vor dem weißen Bildhintergrund sieht der Zuschauer faltige Haut, hängende Brüste und Altersflecken. Wer die üblichen gestylten Menschen gewohnt ist, wird womöglich geschockt sein. Bilder, die dann doch den zitierten Tabubruch beinhalten? Die Körper schieben sich in den Vordergrund und dominieren gegenüber den Ritualen der Gefühle, die zeit- und alterslos sind.

Einmal Lehrer immer Lehrer

Inges Mann Werner ist ein ehemaliger Lehrer. Als Ehemann zeigt er sich als permanenter Besserwisser und merkt nicht, dass er mit seinem überlegenen Gehabe seine Frau nicht erreicht und vielleicht niemals erreicht hat. Eine typische Ehe, die längst nicht mehr vorhanden ist. Auch in dem Fall kann nicht von einer speziellen altersbedingten Situation gesprochen werden. Dennoch schaut es sich angenehm an, wie Dreesen das Publikum am Dilemma der Eheleute teilhaben lässt. Die zahlreichen Facetten des Ehealltags, die aus Routine und über die Jahre verinnerlichter Wortwechsel bestehen, wirken tatsächlich authentisch. Der Regisseur denunziert seine Figuren nicht und gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis. Im Gegenteil. Er bringt ihnen viel Sympathie entgegen und hat dazu auch die passenden Schauspieler, deren professionelle Erfahrung auch Schwächen der Charaktere verzeiht.

Behutsam und pointiert

Dreesen inszeniert behutsam und pointiert. Die Rollenverteilung wird nicht in Frage gestellt. Gut zu sehen, als die Mutter sich mit der Tochter darüber austauscht, ob ihre Affäre mit Karl geheim bleiben soll. „Wolke neun“ erzählt eine zeitlose Geschichte. Es ist eher eine Binsenweisheit, dass das Liebesleben kein Mindesthaltbarkeitsdatum hat. Die Eifersucht endet ebenfalls nicht ab einem bestimmten Alter. Der Film überträgt bekannte Verhaltensweise auf die Welt der Senioren. Dreesen gibt sich dabei alle Mühe, nicht reißerisch zu sein. Wer einen Softporno mit und für Senioren erwartet, wird enttäuscht sein. Ehebruch und dessen Folgen sind der Inhalt der Story, die bis zum tragischen Ende recht vorhersehbar ist. Dennoch gibt es für „Wolke neun“ eine Empfehlung, denn – ebenfalls eine Binsenweisheit – unsere Gesellschaft wird immer älter und außerdem verdienen die Leistungen der Schauspieler Respekt.

 

Bildquelle
Shutterstock

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