Deutschlands älteste Buchhändlerin

Helga Weyhe in ihrer Buchhandlung

Bücher sind ihr Leben

Eine besondere Art von Gehirntraining betreibt die 96-jährige Helga Weyhe. Die älteste Buchhändlerin Deutschlands hat jedes ihrer Bücher zumindest quergelesen. Der rege Austausch mit ihren treuen Kunden hält sie geistig fit und aktiv.
Der Buchladen von Helga Weyhe in Salzwedel im Norden Sachsen-Anhalts ist keine gewöhnliche Adresse. Treue Kunden und Literaturliebhaber nennen es ein „Kleinod der Buch-Kultur“. Im Geschäft riecht es nach Papier und dem Holz der fast 180 Jahre alten Einrichtung. Das Innere des Fachwerkhauses stammt zum Teil noch aus der Kaiserzeit. 1871 eröffnete der Großvater die Buchhandlung. Kurz zuvor war er aus dem Deutsch-Französischen Krieg heimgekehrt. Seither ist der Buchhandel in Familienhand. Helga Weyhe führt den Handel mit großer Leidenschaft in dritter Generation fort. Deutschlands älteste Buchhändlerin ist beinahe 100 Jahre alt. Die Optik des Buchhandels versetzt die Kundschaft in vergangene Tage zurück. Ein Blick auf die Buchrücken in den Regalen verrät jedoch: Die Romane, Lexika, Kinder- und Fachbücher sind sorgfältig ausgewählt und aktuell.

Ein Leben wie im Roman

Schon früh wurde Helga Weyhe in das Familiengeschäft mit einbezogen. Mit zehn Jahren erhielt sie von ihrem Vater einen Auftrag. Welche Kinderbücher eignen sich als Weihnachtsgeschenk für junge Leser? Das sollten sie und ihre Schwester herausfinden. Hierbei stieß die junge Helga auf ihr Lieblingsbuch: „Stoffel fliegt übers Meer“ von Erika Mann. Wie den Helden im Kinderbuch zog es auch Helga Weyhe in die weite Welt. Nach dem Abitur im Jahr 1941 studierte sie in Breslau, Königsberg und Wien Deutsch und Geschichte. Der Krieg verhinderte den erfolgreichen Abschluss ihres Studiums. 1944 kehrte sie nach Salzwedel zurück. Nach den Kriegstagen sei es nur wichtig gewesen, zu den Überlebenden zu zählen. Sie sieht es Helga Weyhe.

Mit Anfang 20 stieg sie dann in das Buchgeschäft ihres Vaters ein. Vorüber waren Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Kriegswirren. Nun galt es, in der Besatzungszone der Sowjetunion Fuß zu fassen.

Die bald darauf gegründete Deutsche Demokratische Republik stellte den Buchhandel vor weitere Herausforderungen. Als privater Familienbetrieb wurden die Weyhes häufig benachteiligt. Begehrte Lizenzausgaben wurden beispielsweise bevorzugt an volkseigene Betriebe vergeben. Helga Weyhe, seit 1965 selbst Chefin, verzagte nicht. Sie konzentrierte sich auf den Verkauf von Fachbüchern. Was sie las, ließ sie sich nicht vorschreiben. „Bücher sind Freiheit. Deshalb sind sie auch so gefährlich.“, sagt sie. In Büchern habe sie sich immer in einer "angemessenen Welt" wiedergefunden.

Trotz der arbeitsreichen Routine träumte sie weiter von der Ferne. 1982 war es dann soweit: Sie unternahm eine Reise nach New York. Helga Weyhes Leben weist eine weitere Parallele mit dem Hauptcharakter ihres Lieblings-Kinderbuchs auf: Beide haben einen erfolgreichen Onkel in New York. Ehrhard Weyhe war ein renommierter Kunstbuchhändler, Verleger und Kunstmäzen. Fünf Wochen besuchte sie den Verwandten. Eine Zeit, die sie sehr prägte. In der Buchhandlung sind zahlreiche Hinweise auf die New Yorker Zeit vorhanden. Ein Schild mit der Aufschrift "794 Lexington Ave." erinnert an die „Weyhe Gallery“ des New Yorker Onkels.

Von diesen Erfahrungen profitierte sie auch, als 1989 die Mauer fiel. Eine Flut von Literatur „schwappte“ aus den alten Bundesländern über die ehemalige Grenze. Helga Weyhe setzte auf erfahrene Kollegen aus dem „Westen“ und holte sich deren Rat ein. Eigentlich hatte sie mit 67 Jahren bereits das Rentenalter erreicht. Sie dachte aber nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Gesund genug und nun zudem mobil, passte sie sich der neuen Situation an. Sie blieb aktiv im Geschäft und wählte aus dem Überangebot an Büchern klug aus.

Tradition und Moderne vereint

Service war im Buchhandel der Weyhes stets großgeschrieben. Das ist auch heute noch so. Die älteste Buchhändlerin Deutschlands hat eine straffe Routine. An sechs Tagen in der Woche ist sie für ihre Kundschaft da. Von morgens bis abends steht die 96-Jährige zwischen den Bücherregalen. Eine 2-stündige Mittagspause gönnt sie sich zwischendurch. Samstags beginnt ihr Wochenende um die Mittagszeit. Mit fast 100 Jahren ist man wahrlich nicht mehr ganz gesund. Abends schmerzen ihr oft die Beine. Trotz Gehstock ist sie dennoch erstaunlich mobil. Wenn die Türklingel einen neuen Kunden ankündigt, bleibt die Gehhilfe auch mal im Eck stehen.
Ihre Kunden kennt Helga Weyhe gut. Ganze Generationen hat sie schon aufwachsen sehen. Viele kommen, um ihre Meinung und ihren Rat zu hören. Ihr langes Leben und ihr außergewöhnliches Gespür für gute Bücher bringen Literatur und Menschen zusammen. Nur was ihren Ansprüchen genügt, kommt für den Buchhandel in Frage. Trifft neue Ware ein, nimmt sie jedes Buch in die Hand. Sie muss wissen, was sie verkauft und zu welchem Kunden die Ausgabe passt. Treffendere Empfehlungen können die Algorithmen der Online-Shops kaum geben. Es ist ihr ein Herzensbedürfnis, ihren Kunden nur das Beste anzubieten. Aus diesem Grund hat sich Helga Weyhes Buchladen in der Provinz gehalten, obwohl viele andere Händler schließen mussten
Ganz ohne Digitalisierung geht es auch im Buchhandel von Helga Weyhe nicht. Alles rund um den PC macht sie seit 25 Jahren selbst. Eine dicke Lesebrille auf der Nase tippt sie mit zwei Fingern die Bestellungen in die Tastatur des Rechners. Heute bestellt, morgen im Geschäft. Ganz einfach sei das, meint die 96-Jährige. Auf dem Ladentisch landen so ausgewählte Neuerscheinungen. Historische Sachbücher liegen neben bunten Kinderbüchern und richtigen Antiquitäten. Alle von der Chefin geprüft, versteht sich. Dabei entspricht nicht alles in ihrem Warenangebot auch ihrem persönlichen Geschmack. Helga Weyhe liest beispielsweise kaum Kriminalromane. Das Leben sei schon düster genug, findet sie.
E-Books kennt Helga Weyhe auch. Für Studenten findet sie diese sehr sinnvoll. Für manche Zielgruppen sei es eben wichtig, unterwegs mal eben ein Kapitel zu lesen.
In Ihrer Privatwohnung ist hingegen die Zeit stehen geblieben. Sie liegt direkt über der Buchhandlung. Die alten Räume enthalten ebenfalls eine beachtliche Literatursammlung: Goethe, Lessing, Fontaine – es sind einige antike Schätze darunter. Ein paar Stücke stammen aus dem Besitz ihres New Yorker Onkels. Die Regalbretter sind mit Tüchern verhängt. „Ich mag Bücher, aber abstauben will ich sie nicht.“ Helga Weyhe bewegt sich ganz selbstverständlich zwischen den Regalen. Die Bücher begleiten sie schon ihr Leben lang. Viele davon sind deutlich älter, als sie selbst.
Die Ehrenbürgerin der Stadt Salzwedel in der Altmark hat ein Lebensrezept: „Ein Leben lang neugierig sein“. Lesen sei ihr Gehirntraining und halte sie fit, sagt sie. Interessantes komme aus Büchern. Oder von besonderen Menschen. Und die wären meistens belesen. Für Helga Weyhe gehören Bücher und Menschen fest zusammen.
2017 erhielt sie den Sonderpreis des Deutschen Buchhandlungspreises. Der Preis würdigt ihre langjährigen Verdienste um den deutschen Buchhandel. Mit dem will sie auch weitermachen, solange es geht. Warum sie sich das mit 96 Jahren nicht endlich zur Ruhe setzt, mag sich manch einer fragen. Für Helga Weyhe ist die Antwort klar: Sie kann nicht anders. Bücher sind ihr Leben.

Bildquelle:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Helga_Weyhe.jpg

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